Aymeric Fouquez – Nord

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Aymeric Fouquez

Foto: Aymeric Fouquez

 

Aymeric Fouquez
NORD
23.06. – 30.07.2017
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Eröffnung: Freitag, 23. Juni 2017 ab 20 Uhr

 

„Und dann mit einem Mal war die Erinnerung da…“ (Marcel Proust)

Fußballspielen zwischen Gräbern, Picknick auf den Grabsteinen, die Sonntagmorgen bei der Oma: Der französische Künstler Aymeric Fouquez verband Bilder der unzähligen Kriegsfriedhöfe des Ersten Weltkriegs in seiner Heimat lange nicht mit der historischen Schwere dieser Orte. Für ihn sind sie untrennbar mit dem Glücksgefühl unbekümmerter Kindheitstage verflochten. Wie der Geschmack der Madeleine, dem in Lindenblütentee getunkten Gebäck, im berühmten Roman von Proust, führen ihn die Gräberfelder der nordfranzösischen Landschaft und belgischen Küste in das Reich der Erinnerungen. In der Welt des kleinen Aymeric gab es dort die vielen schönen Ausflüge mit der Großmutter zu den sorgfältig gepflegten Einfriedungen in der direkten Nachbarschaft. Friedhöfe, als friedliche und sichere Orte, gut um ein Kind stets im Auge behalten zu können. Orte, an denen man als Kind dem langgehegten Traum frönen konnte: Kicken wie Michel Platini, dem Meister des französischen Fußballs. Wo ginge das besser als auf feinem „englischen Rasen“?

 

Aymeric Fouquez -Nord

Foto: Aymeric Fouquez

 

In Frankreich ist der Erste Weltkrieg, „La Grande Guerre“, als Teil der Erinnerungskultur anhand unzähliger Denk- und Mahnmale immer präsent. Zahlreiche Friedhöfe erinnern an die vielen geopferten Menschenleben und prägen das Landschaftsbild bis heute. Ins Auge stechen vor allem die über 1000 Kriegsfriedhöfe der Commonwealth-Staaten mit ihren hellen Grabsteinen gleicher Größe und Farbe, die nach einheitlich festgelegten Regeln entstanden. Aufgrund des hohen Aufwands, der Kosten und der gleichen Behandlung von identifizierten und unbekannten Opfern, hatte sich das Empire im Verlauf des Krieges dazu entschieden, die gefallenen Soldaten erst einmal vor Ort auf den Schlachtfeldern zu begraben anstatt sie in ihre jeweilige Heimat zu überführen. Nachdem ihnen Frankreich diese Areale nach Kriegsende überließ, wurde auf den letzten Ruhestätten mit der Gestaltung der Friedhofsanlagen begonnen. Entworfen wurden sie u.a. vom berühmten britischen Architekten Edwin Lutyens basierend auf der Idee einer Kirche im Freien. Zum Schutz und zur Abgrenzung von der Umgebung wurden die Gedenkstätten mit meist niedrigen Mauern oder Hecken umsäumt. Jedes Opfer erhielt einen Grabstein. Bei der streng linearen Grabsteinreihung wurde keine visuelle Unterscheidung der militärischen Ränge gemacht. Charakteristisch ist auch die gezielte Gestaltung mit ausgesuchten Bäumen, Pflanzen und kurz gemähten Rasenflächen im Sinne eines Gartens.

In seiner Serie „Nord“ setzt sich Aymeric Fouquez mit dem Phänomen dieser historischen Gedenkstätten auseinander. Natürlich wurde auch ihm irgendwann die Pietät gegenüber diesen speziellen Orten bewusst. Seine Bilder haben aber nichts von Heldengedenken, Pathos, Trauer oder gar Schlachtfeldtourismus. Trotz des autobiografischen Ursprungs seiner Serie, schwelgt er in seinen Fotografien auch nicht in kindlicher Nostalgie. Fouquez hält die stille Schönheit dieser Orte inmitten von französischer und belgischer Nutzlandschaft in großformatigen Landschaftsbildern fest. Dies tut er mit der analogen Großformatkamera und viel Gespür für die Gliederung des Bildraums sowie Linien und Flächen.

In der über 70 Motive umfassenden Serie prägen oft ein weiter, milchig bedeckter Himmel und eine nebelverhangene Herbst- und Winterlandschaft die Motive. Diffuses und fahles Licht, kahle Bäume und eine diesige Witterung, die die Nähe zur Küste erahnen lässt, erzeugen eine zurückgenommen und subtile Stimmung und Farbigkeit. Abgegrenzt, aber zugleich auch eingebettet in ihre Umgebung, existieren die Grabstätten inmitten von abgeernteten Feldern, Nutzgärten und gepflügten Äckern oder in unmittelbarer Nähe zu Autobahnen und Bahntrassen. Einige der Friedhöfe sind im Motiv zunächst kaum sichtbar. Oft fällt erst auf den zweiten Blick ihre Insellage zwischen Wohnhäusern, Werkshallen und Landwirtschaftlichen Betrieben mit ihren Traktoren, Gerätschaften oder Misthaufen ins Auge. Die wenigen Menschen auf den Bildern sind meist mit ihrer eigenen Arbeit beschäftigt oder sind mit dem Rennrad oder dem Mofa unterwegs. Nur einmal sind Arbeiter zu sehen, die mit einer Reparatur an einem Mahnmal beschäftigt sind. Ansonsten sind die Friedhöfe menschenleer.

Fouquez‘ Arbeiten sind präzise komponierte Reflektionen über Architektur und Landschaft, Vergangenheit und Gegenwart, persönlicher Erinnerung und kollektivem Gedächtnis.

Text: Aymeric Fouquez, Bernadette Jansen

 

Aymeric Fouquez (* 1974) wurde in Nordfrankreich geboren. Er studierte Geschichte und Kunst in Paris und absolvierte 2002 die École Nationale de la Photographie in Arles. Er studierte an der Akademie für Bildende Kunst in Leipzig in der Meisterklasse von Professor Timm Rautert. 2007 er-hielt er den Wüstenrot-Preis für Dokumentarfotografie, Museum Folkwang, Essen.

ÖFFNUNGSZEITEN: Nach der Eröffnung, jeden Sonntag 16-18 Uhr sowie nach Vereinbarung | FINISSAGE: Sonntag, den 30. Juli 2017, 16-18 Uhr